Liebe Eltern,

heute haben viele Mütter und Väter ein viel offeneres Verhältnis zu ihren Kindern als sie selbst es noch in der eigenen Kindheit erlebt haben. Schon ihren noch kleinen Söhnen und Töchtern haben sie signalisiert: »Ich bin für dich da!« Und: »Du kannst mit mir über alles sprechen.« Trotzdem machen Eltern immer wieder die Erfahrung, dass ihr Kind gerade dann nicht reden will, wenn es bedrückt ist. Stattdessen verschafft es sich Luft mit Trotz- und Wutanfällen. Oder es weicht aus, zieht sich schlecht gelaunt oder traurig ins Schneckenhaus zurück. Letztlich erscheint Kindern oft alles besser, als das eigentliche Problem anzusprechen. Aber warum ist das so? Dahinter steckt vor allem ein Grund: Die Angst, beschämt werden. Ein Kind, das in Schwierigkeiten steckt, fürchtet, aus der Gemeinschaft ausgeschlossen zu werden, wenn andere davon erfahren. Es fühlt sich schrecklich, weil es so schlimme Gefühle und Gedanken hat. Und es schämt sich, weil es glaubt, dass mit ihm etwas nicht stimmt – sonst hätte es dieses Problem ja nicht. Wenn man sich das alles als Eltern vor Augen führt, wird es schon viel nachvollziehbarer, warum vielen Kindern das Reden so schwer fällt.

In solchen Momenten kann unser Buch weiterhelfen. Hier erleben acht Kinder jeweils eine typische Situation, die allen Mädchen und Jungen viel Kummer bereiten können. Aber: Alle Kinder stecken im Buch nur einmal in Schwierigkeiten. In den anderen sieben Geschichten erweisen sie sich als kompetente Schüler oder gute Freunde, die von anderen akzeptiert und gemocht werden. Damit wird deutlich: Jeder kann Probleme haben, auch der, der in anderen Situationen ganz stark ist.

Und weil es immer viel leichter ist, über das Leid anderer zu sprechen, stehen die Chancen gut, dass Sie mit Ihrem Kind über die Schwierigkeiten von Lena, Tim, Paul oder Marie richtig gut reden können – auch wenn es nicht sofort zugeben würde, dass es selbst mit den gleichen Dingen zu kämpfen hat. Ihrem Kind hilft ein solcher Dialog trotzdem weiter, denn Lösungsideen auf das eigene Leben zu übertragen, das ist gar nicht so schwer. Mit etwas Glück ist es aber auch gut möglich, dass eine der Geschichten aus dem Buch es Ihrem Kind erleichtert, über eigene Erfahrungen zu sprechen.
Damit das Gespräch wirklich gelingt, ist es wichtig, dass Sie es sehr persönlich gestalten. Das heißt: Bringen Sie selbst die Offenheit mit, die Sie sich auch von Ihrem Kind wünschen. Auf diese Weise verbünden Sie sich mit ihm. Stellen Sie keine Fragen, sondern sprechen Sie von den Dingen, die Ihnen durch den Kopf gehen. Bestimmt gibt es die ein oder andere Situation im Buch, die Sie an Ihre eigenen Erfahrungen als Kind erinnert. Erzählen Sie davon! Auf diese Weise verbinden Sie sich mit Ihrem Kind. Und Sie machen es zuversichtlich, weil es durch sie erkennt, dass Erwachsene es schaffen, negative Gefühle und Erlebnisse auszudrücken, ohne dabei schwach zu wirken.

Noch etwas ist wichtig: Denken Sie daran, dass jede Sichtweise und jedes Gefühl Ihres Kindes Gründe hat, die man nachvollziehen kann. Und es wünscht sich nichts sehnlicher, als verstanden zu werden. Dazu ein Beispiel: Ein neun Jahre alter Junge kommt nach Hause und wirkt bedrückt. Seine Mutter fragt: »Was ist denn los?« Er: »Nichts.« – »Aber ich sehe doch, dass etwas nicht stimmt.« – »Diese blöde Lehrerin. Sie war total gemein zu mir und jetzt muss ich auch noch eine Strafarbeit machen!«
Ab diesem Punkt hören viele Eltern nicht weiter zu, sondern versuchen objektiv zu bleiben – und ergreifen die Partei der Lehrerin: »Na, so unschuldig wirst du daran nicht sein!« Damit wird der Dialog jedoch abgeschnitten, bevor er wirklich angefangen hat.
Erlebt Ihr Kind stattdessen, dass Sie versuchen, es zu verstehen und darin zu unterstützen, eine Lösung für sein Problem zu finden, wird es sich weniger zurückziehen oder sich weniger aggressiv verhalten. Um bei dem Beispiel zu bleiben: Der Junge, der mit seinen Eltern darüber sprechen kann, wie gemein er die Lehrerin findet und wie viel Wut er auf sie hat, wird schneller einen Weg aus seinem Dilemma finden, wenn er das Verständnis seiner Eltern als seelischen Schutz erlebt.

Helfen Sie Ihrem Kind, eigene Lösungen zu entwickeln. Dazu brauchen Sie manchmal viel Geduld. Denn als Eltern möchte man natürlich, dass das Leiden oder
auch das Fehlverhalten des Kindes möglichst schnell aufhört. Halten Sie sich dennoch möglichst zurück mit gut gemeinten Ratschlägen. Die Chance, dass Sie damit etwas Positives bewirken, ist eher gering. Weitaus größer ist die Gefahr, dass Sie Ihr Kind dadurch in noch größere Bedrängnis stürzen. Genau das passiert nämlich, wenn Kinder erleben, dass sie es nicht schaffen, Lösungsvorschläge umzusetzen. Ein Kind mit einem Problem fühlt sich ohnehin unfähig. Wenn es nun noch ertragen muss, dass es sich trotz guter Ideen nicht daraus befreien kann, fühlt es sich in seiner negativen Selbsteinschätzung bestätigt und es zieht sich unter Umständen noch mehr zurück. Deshalb ist es meist hilfreicher zu fragen: »Was würdest du denn am liebsten tun?« Oder: »Was glaubst du, könnte dir helfen?« Ihr Kind kann auf diese Weise mit Ihrer Unterstützung in Ruhe über die schwierige Situation nachdenken. Außerdem wird sein Selbstwertgefühl bestärkt, wenn es erfährt, wie es selbst Lösungen entwickeln kann.

Ganz herzlich,

Ihre

Angela Schuh und Anke M. Leitzgen